IT-Sicherheit und Cyber-Resilienz im Energiesektor: Wie Versorger ihre Netze widerstandsfähig machen
Digitale Angriffe auf Energieversorger nehmen zu, gleichzeitig steigt die Komplexität der Netze durch erneuerbare Energien, Smart Grids und vernetzte Steuerungstechnik. Auf dem Handelsblatt Live-Event „IT-Sicherheit und Cyber-Resilienz im Energiesektor“ diskutieren Fachleute aus Wirtschaft, Behörden und Forschung, wie sich Betreiber kritischer Infrastrukturen gegen Cyberbedrohungen wappnen und ihre Systeme widerstandsfähig gestalten können. Im Mittelpunkt stehen Strategien, regulatorische Vorgaben und praxisnahe Lösungsansätze für eine sichere Energieversorgung.
Warum der Energiesektor im Fokus von Cyberangriffen steht
Die Energiebranche gilt als besonders attraktives Ziel für Cyberkriminelle und staatlich gesteuerte Angreifer. Strom- und Gasnetze, Leitstellen sowie verteilte Erzeugungsanlagen sind hochgradig digitalisiert und vielfach miteinander verknüpft. Gleichzeitig zählen sie zur kritischen Infrastruktur, deren Ausfall weitreichende gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen hätte.
Beim Live-Event wird deutlich, dass sich die Bedrohungslage in den vergangenen Jahren deutlich verschärft hat. Ransomware, gezielte Sabotageversuche und Angriffe auf Lieferketten rücken in den Vordergrund. Expertinnen und Experten betonen, dass klassische Perimetersicherheit nicht mehr ausreicht. Gefragt sind integrierte Sicherheitskonzepte, die IT und OT gleichermaßen berücksichtigen und auf kontinuierliche Überwachung sowie schnelle Reaktionsfähigkeit setzen.
Regulierung, NIS2 und KRITIS: Was auf Betreiber zukommt
Ein zentraler Punkt des Events sind die regulatorischen Rahmenbedingungen. Mit der NIS2-Richtlinie der EU, den nationalen KRITIS-Vorgaben und branchenspezifischen Sicherheitsstandards steigen die Anforderungen an Betreiber von Energieanlagen. Unternehmen müssen nicht nur technische und organisatorische Maßnahmen nachweisen, sondern auch ein belastbares Risikomanagement etablieren.
Besonders im Fokus stehen:
- die Umsetzung von NIS2 in nationales Recht und die Folgen für Energieversorger
- erweiterte Meldepflichten bei Sicherheitsvorfällen und Störungen
- verbindliche Mindeststandards für IT-Sicherheit und Notfallvorsorge
- Haftungs- und Sanktionsrisiken für Management und Betreiber
Fachleute auf dem Podium machen deutlich, dass Regulierung zwar Druck erzeugt, zugleich aber ein wichtiger Treiber für Investitionen in Cyber-Resilienz ist. Wer frühzeitig Strukturen, Prozesse und Technologien anpasst, kann neue Vorgaben effizienter umsetzen und Sicherheitslücken schneller schließen.
Technische Schutzmaßnahmen: Von Zero Trust bis Segmentierung
Neben strategischen Fragen geht es auf dem Handelsblatt-Event vor allem um konkrete technische Maßnahmen. Im Mittelpunkt stehen moderne Sicherheitsarchitekturen, die sich an Prinzipien wie Zero Trust, Defense in Depth und konsequenter Netzwerksegmentierung orientieren. Ziel ist es, Angriffsflächen zu reduzieren, Bewegungen im Netzwerk zu begrenzen und Anomalien frühzeitig zu erkennen.
Diskutiert werden unter anderem:
- Security Operations Center (SOC) mit branchenspezifischem OT-Know-how
- Monitoring-Lösungen für industrielle Steuerungssysteme und Leitwarten
- Härtung von Legacy-Systemen und sichere Fernwartung
- Verschlüsselung, starke Authentifizierung und Privileged-Access-Management
Ein weiterer Schwerpunkt ist der sichere Umgang mit Cloud-Diensten und verteilten Plattformen. Energieunternehmen setzen zunehmend auf datengetriebene Services, Predictive Maintenance und KI-gestützte Analysen. Damit wachsen jedoch auch die Anforderungen an sichere Schnittstellen, saubere Rollen- und Rechtekonzepte sowie eine lückenlose Protokollierung.
Organisatorische Resilienz: Menschen, Prozesse, Übungen
IT-Sicherheit im Energiesektor ist nicht allein eine Frage der Technik. Mehrere Beiträge auf dem Event unterstreichen, dass organisatorische Resilienz und eine gelebte Sicherheitskultur entscheidend sind. Unternehmen müssen klare Verantwortlichkeiten definieren, Notfall- und Wiederanlaufpläne regelmäßig testen und Mitarbeitende für Cyberrisiken sensibilisieren.
Im Vordergrund stehen dabei drei Aspekte:
- Aufbau interdisziplinärer Teams aus IT, OT, Betrieb und Compliance
- regelmäßige Krisenübungen, etwa simulierte Angriffe auf Leitstellen oder Netzkomponenten
- Schulungskonzepte, die vom Management bis zur Betriebsmannschaft reichen
Mehrere Referentinnen und Referenten betonen, dass Resilienz bedeutet, Störungen nicht nur zu verhindern, sondern sie auch kontrolliert bewältigen zu können. Dazu gehören klare Kommunikationswege, abgestimmte Entscheidungsprozesse und eine enge Zusammenarbeit mit Behörden, CERTs und Brancheninitiativen.
Kooperation und Wissensaustausch als Sicherheitsfaktor
Ein wiederkehrendes Motiv des Handelsblatt Live-Events ist die Bedeutung von Kooperation. Energieversorger, Netzbetreiber, Technologieanbieter und Sicherheitsbehörden sind zunehmend darauf angewiesen, Informationen zu Bedrohungen, Angriffsmustern und Best Practices zu teilen. Branchenübergreifende Plattformen, Verbände und spezialisierte Arbeitskreise leisten hier einen wichtigen Beitrag.
Die Diskussionen zeigen, dass der Weg zu mehr Cyber-Resilienz im Energiesektor ein kontinuierlicher Prozess ist. Neue Technologien, geopolitische Spannungen und sich wandelnde Angriffsvektoren zwingen Unternehmen dazu, ihre Sicherheitsstrategien laufend zu überprüfen. Gleichzeitig eröffnen Innovationen in Bereichen wie Automatisierung, KI-gestützter Analyse und sicherer Fernsteuerung neue Möglichkeiten, kritische Infrastrukturen robuster und transparenter zu gestalten.
Empfohlene Fachportale und Hintergrundberichte
- https://www.bsi.bund.de
- https://www.bmwi.de
- https://www.enisa.europa.eu
- https://www.handelsblatt.com
- https://www.bdew.de
Quelle: Handelsblatt Live

